Impuls Nr. 174
Die Rückseite der Postkarte
Die Ferienzeit ist vorüber – jetzt endgültig in allen Bundesländern.
Wenn wir Freunden und Arbeitskolleginnen zum ersten Mal nach den Ferien begegnen, wollen wir erzählen und hören, was wir und die anderen erlebt haben – und selbstverständlich erzählen wir uns erst einmal von den schönen Dingen: traumhafte Landschaften, interessante Begegnungen, außergewöhnliche Aktivitäten, gutes Essen. Unser Urlaub – eine Erfolgsgeschichte.
Doch wenn ich wage, auch die beschwerlichen Seiten anzusprechen, wird plötzlich auch die „Rückseite der Postkarte“ sichtbar: Da war eben auch die schnarchende Zimmernachbarin auf der idyllischen Aktiv-Reise nach Norwegen. Und überhaupt: So idyllisch war die Reise gar nicht – die meisten waren jünger, fitter und kamen bei den Ausflügen weniger erschöpft am Ziel an. Oder die Freundin, die mit einer Gruppe in Elbsandsteingebirge zum Wandern war: Der Partner verstand sich prächtig mit der sympathischen Single-Frau – und zurück blieb nicht nur Muskelkater, sondern auch eine ordentliche Portion Eifersucht.
Offenbar gehört beides zum Leben: das Schöne und das Schwierige, Dankbarkeit und Enttäuschung, Leichtigkeit und innere Kämpfe. Und wir müssen nicht so tun, als wäre alles wunderbar gewesen. Denn Gott begegnet uns nicht nur dort, wo alles gelingt und wir uns gut fühlen. Er ist auch mitten in unserer Unruhe, unserer Eifersucht, unserer Erschöpfung und unseren enttäuschten Erwartungen.
Vielleicht ist das sogar die gute Nachricht zum Ferienende: Wir dürfen uns und Gott die ganze Wahrheit unseres Lebens erzählen – nicht nur die Postkartenmotive.
Marion Reheußer
Pastoralreferentin in der Pfarrei St. Franziskus